In diesen Tagen beginnt in den Fussballligen die neue Spielzeit. Die Vorfreude innerhalb der Anhängerschaft des FC Carl Zeiss Jena wurde nun jäh getrübt. Mehrere dutzend Hausverbote lagen pünktlich zum Punktspielauftakt in den blau-gelb-weißen Briefkästen.
RÜCKBLICK
In den Hausverboten wird Bezug genommen auf das Heimspiels im November 2024 gegen die BSG Chemie Leipzig. Hier konnte ein Zaun durch gegnerische Fans geöffnet werden, welche dadurch in den Heimbereich der Südkurve im Ernst-Abbe Sportfeld gelangten. Die Polizei drängte die Fanlager im Bereich hinter der Tribüne wieder auseinander. Doch auch nachdem beide Fanlager getrennt waren, griff die Polizei in mehreren Angriffswellen die Besucher:innen des Heimbereichs gewaltsam an. Augenzeug:innen berichten von einem verheerenden Polizeieinsatz, welcher jeder Vernunft und Verhältnismäßigkeit entbehrte. Der Blau-Gelb-Weißen Hilfe wurde berichtet, dass mehrere Polizeibeamt:innen Jena-Fans etwa als „Ihr Bastarde“, “Macht euch in euer scheiß Stadion ihr Spastis“, „Ekelhafte Wichser seid ihr“ und ähnlichen Wortlauten beschimpften. Die Polizei hinterließ eine Spur der Verwüstung und verursachte massive Sachschäden. Auch folgenschwere Verletzungen und Erkrankungen mussten nach dem enthemmten Einsatz von Schlagstock und Pfefferspray behandelt werden. Es kam zu unzähligen Wunden und Hämatomen sowie zu massiver Atemnot, aber auch zu einer operationsbedürftigen Nasenbeinfraktur eines Minderjährigen, dem Schädelhirntrauma samt Bewusstlosigkeit eines 18-Jährigen sowie zum Wiederauftreten des chronischen Asthmas zweier minderjähriger Mädchen.
Im Anschluss wurden zahlreiche Verfahren insbesondere gegen Jenaer Fußballfans eröffnet.
FRAGWÜRDIGE POLIZEILICHE ERMITTLUNGSMETHODEN
Augenscheinlich zielen die polizeilichen Maßnahmen in außergewöhnlichem Umfang auf Minderjährige. In umfangreicherem Maße lud die Landespolizeiinspektion Jena gezielt Minderjährige unter staatsanwaltschaftlicher Anordnung zu Zeugenvernehmungen. Damit schüren Staatsanwaltschaft und Polizei Ängste und Zweifel von Jugendlichen und deren Eltern.
Besonders bedenklich ist, dass die Daten einiger betroffener Zeug:innen den Ermittlungsbehörden anscheinend erst durch die Weitergabe durch die eingesetzten Rettungssanitäter:innen bekannt wurden. Dies stellt zweifelsfrei einen tiefen Vertrauensbruch dar und wird sicher dafür sorgen, dass die medizinische Betreuung in ähnlich kritischen Situationen zukünftig erschwert wird. Eine Person schildert hierbei exemplarisch für eine Vielzahl von Betroffenen: „Ich habe extra gefragt, ob meine Daten weitergegeben werden und das wurde verneint. Ich fühle mich hintergangen.“
In einem anderen Fall wurde eine Person auf Grund eines von dem Spieltag völlig unabhängigen Klinikaufenthaltes vorgeladen. Auch hier kann die Information nur durch behandelnde Ärzte weitergegeben worden sein. Rechtliche Schritte hinsichtlich der Weitergabe der Daten wurden eingelegt.
Mehrfach wurden Personen zunächst als Zeug:innen befragt und später als Beschuldigte geführt.
Ebenfalls fragwürdig verhält sich die Kriminalpolizei Jena durch die Zeugenvorladung des ehrenamtlichen Fanbeauftragten des FCC, welche offensichtlich in erster Linie nicht der konkreten Beweissicherung dienen sollte. Stattdessen sollte das Gespräch dem Aushorchen struktureller Gegebenheiten innerhalb der aktiven Fanszene des FCC dienen, welche mit den Vorfällen am 30.11.2024 in keiner Weise zu tun haben. Zum krönenden Abschluss wurden dem Fanbeauftragten Möglichkeiten aufgezeigt, als Informant langfristig anonym Aussagen zu Strukturen der Fanszene gegenüber der Kriminalpolizei zu tätigen. Angebote dieser Art waren im Rahmen der Ermittlungen kein Einzelfall.
Geradezu kurios mutet es zudem an, dass gegen mehrere Fans als Beschuldigte ermittelt wird, welche sich am Spieltag nicht einmal in der Nähe des Stadions befanden und dies auch durch Zeug:innen und weitere Nachweise belegen können.
INSTRUMENTALISIERUNG DER STADT JENA DURCH DIE POLIZEI
Nun instrumentalisiert die Polizei die Stadt in ihrem Kleinkrieg gegen Jenaer Fußballfans. Sie gibt Namen aus Ermittlungsakten weiter, woraufhin die Stadt den benannten Personen Hausverbote ausspricht. Dies erfolgt ohne jegliche gerichtliche Entscheidung. Die Unschuldsvermutung wird somit systematisch außer Kraft gesetzt und rechtsstaatliche Prinzipien der Gewaltenteilung werden hinterrücks durch die Polizei ausgehebelt.
Auch halten wir eine Weitergabe der personenbezogenen Daten durch die Polizei an Mitarbeitende oder Institutionen der Stadt Jena für fraglich und werden diese prüfen lassen. Insbesondere stellt sich für uns die Frage, ob lediglich Namen oder auch Auszüge aus den Ermittlungsakten an die Stadt weitergegeben wurden.
Als Blau-Gelb-Weiße-Hilfe sind wir seit dem Spieltag mit Betroffenen im Austausch und mit den Geschehnissen sowie mit der Aktenlage vertraut. Hieraus wird klar ersichtlich, dass Hausverbote in Größenordnung ungerechtfertigt verhangen worden sind. Beispielhaft kann benannt werden, dass sowohl gegen unbeteiligte Personen, den Fanbeauftragten des Vereins, als auch gegen Personen, welche sich nur im Stadioninneren und nicht im hinteren Bereich der Tribüne aufgehalten hatten, Hausverbote durch die Stadt verhangen worden sind. Besonders kurios trifft es nun auch mindestens fünf Personen, welche am Spieltag nachweislich gar nicht im Stadion, geschweige denn in Jena waren.
Durch einen Beitrag im Intranet des die Hausverbote aussprechenden städtischen Eigenbetriebs KIJ an alle seine Mitarbeitenden werden Ängste geschürt und eine vorauseilende Kriminalisierung vorgenommen, indem eine vermehrte Polizeipräsenz angekündigt und zum Schließen von Türen und Fenstern sowie besonderer Aufmerksamkeit aufgerufen wird, „Um auf mögliche Reaktionen des Fußballvereins oder der Öffentlichkeit vorbereitet zu sein.“
UNSERE FORDERUNGEN
Zusammenfassend wird damit klar: die Polizei eskaliert im Pfeffersprayeinsatz und prügelt auf Stadionbesucher:innen ein, erstellt dann Anzeigen gegen die Verletzten als Beschuldigte und lässt obendrein gegen die Betroffenen über einen stadteigenen Betrieb Hausverbote verhängen – wissentlich dessen, dass die Vorwürfe in der großen Mehrzahl juristisch nicht haltbar sind.
Wir sind fassungslos über die brutale und von blindem Hass gegen Fußballfans getriebene Polizeiarbeit und darüber, dass eine städtische Institution sich so blind und ungeprüft gegen die eigenen Bürger:innen vor den Karren spannen lässt.
Wenn Bürgermeister Koppe sich für „Schutz“ und „Sicherheit“ für Zuschauer:innen im Stadion einsetzen möchte, sollte er polizeiliche Gewaltakte nicht unhinterfragt geschehen lassen und zukünftig nicht mehr willkürlich mit Hausverboten um sich werfen.
Wir erwarten daher von Seiten der Jenaer Politik und Verwaltung:
- Die Aufarbeitung des Polizeieinsatzes welcher nur mit Glück nicht in einer Massenpanik mündete und angesichts der massiven Gewalt nur verhältnismäßig wenige schlimmere körperliche Verletzungen nach sich zog. Es bedarf insbesondere der Klärung der Unverhältnismäßigkeit der Polizeigewalt, da eine Auseinandersetzung zwischen den Fanlagern bereits beendet und der Stadionbereich gesichert war. Polizeiliche Grundsätze wie Verhältnismäßigkeit, die Wahl des mildesten Mittels und Notwendigkeit müssen auch innerhalb des Stadions gelten.
- Eine Stellungnahme und Bekanntgabe zum Ermittlungsstand gegen an den Ausschreitungen beteiligte Polizist:innen: Wie viele Anzeigen wurden gegen Polizeibeamt:innen gefertigt, mit welchem Ergebnis und welchen Konsequenzen?
- Die Wahrung der eigenen Unabhängigkeit als Kommune, anstelle von offensichtlicher Instrumentalisierung durch Polizeibehörden
- Abkehr von vorauseilender Kriminalisierung von Personen(-gruppen) und Besinnung auf die Unschuldsvermutung
- Die Einhaltung eigener, bestehender Befugnisse, anstelle gravierender Überschreitungen der eigenen Handlungsspielräume
Pressemitteilung der Blau-Gelb-Weißen Hilfe e.V. | 28. Juli 2025
